Manchmal fällt ein Plan wortwörtlich ins Wasser. Ursprünglich wollten wir über Ostern einige Flüsse in den belgischen Ardennen paddeln. Doch ergiebige Regenfälle hatten uns einen Strich durch die Rechnung gemacht: bei zu hohen Wasserständen sind sämtlich Flüsse in Belgien gesperrt (wobei hier zu hohe Wasserstände nicht mit gefährlichem Hochwasser gleichzusetzen sind). Eine Missachtung dieser Sperrungen soll wohl mit hohen Bußgeldern bestraft werden.

Da sitzen wir also an unserem schönen Campingplatz an der Semois, dürfen ebendiese nicht paddeln und suchen nach Alternativen. Unsere Wahl fällt schließlich auf die Sormonne, einem Kleinfluss im Nahe gelegenen Frankreich. Frankreich, dem gelobten Land, in dem es keine Flusssperrungen gibt (zumindest nicht in den französischen Ardennen).

Logistisch tüfteln wir, wie wir dachten, einen Meisterplan aus. Unsere Paddelgruppe besteht nämlich aus einer kleinen Jugendgruppe, dem dazugehörigen Jugendwart und meiner Familie mit zwei kleinen Kindern. Da bei dem Wetter, kalt und immer noch Regen, nicht daran zu denken ist, die Kinder mit auf den Fluss zu nehmen, müssen wir zwei, am besten aufeinanderfolgende, Etappen à 15 Kilometer paddeln (wir gehören noch zu den wenigen Vereinen, die Wert auf Flusspunkte legen), damit alle auf ihre Kosten kommen. Im DKV-Flussführer ist die Sormonne allerdings nur auf 28 Kilometer beschrieben. Doch der Fluss führt genügend Wasser, so dass wir es wagen, eine Brücke oder vielmehr 5 Kilometer, weiter oben einzusteigen.

Kalter Einstieg und ein harter Kampf

Unsere Fahrt steht unter keinem guten Stern. Während wir uns umziehen nieselt es, es ist kalt und zu allem Übel sind unsere Paddelsachen noch vom Vortag nass. So ist es dann nicht verwunderlich, dass sich nicht alle dazu durchringen können, paddeln zu gehen. Immerhin sechs Leute wagen sich dann auf die Sormonne, die ganz beschaulich beginnt.

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Mit mäßiger Strömung schlängeln wir uns durch eine Weidelandschaft. Kaum ist die Brücke außer Sichtweite, versperrt ein erstes, kleines Baumhindernis den Weg. Mit ein wenig Schwung ist es aber schnell überwunden. Wir fühlen uns ein bisschen an unsere heimische Alme erinnert, die sich auch kurvenreich durch ein breites Tal windet. Langsam aber sicher nehmen die Baumhindernisse zu, mal stehen ganze Büsche im Wasser. Froh über ein wenig Abwechslung in der tristen Landschaft, sehen wir alle Hindernisse als Herausforderung an. Wer schafft es alleine über den Baum? Wer quetscht sich hier noch drunter her? Für die Jugendlichen ist es natürlich auch eine super Übungseinheit in Sachen Kleinflussbefahrung.

Doch irgendwann schlägt unser Eifer in Erschöpfung und Frustration um. Zu zahlreich sind die Hindernisse. Teilweise müssen wir uns 50 oder gar 100 Meter komplett durch im Fluss stehende Büsche schlagen. Wir sind dreckig, Äste haben unsere Hände und Gesichter zerkratzt und Jana verliert sogar einen Büschel Haare an einem Stacheldraht (ja, auch die gab es). Henrik und Florian steigen immer wieder aus, um sich nicht durch die Büsche kämpfen zu müssen, wobei das ständige ein- und aussteigen nicht weniger anstrengend ist. Kurz gesagt, die Stimmung ist auf dem absoluten Nullpunkt angekommen. Nichts ist mehr von unserer anfänglichen Abenteuerstimmung, einen noch nicht beschriebenen Abschnitt zu paddeln, zu spüren. Die fünf Kilometer bis zum Standardeinstieg ziehen sich wie Kaugummi, die Paddelei wird zum Martyrium.

Reiche Tierwelt

Da ich den Vorschlag gemacht hatte, weiter oben einzusteigen, sehe ich mich in der Pflicht, die Stimmung hochzuhalten. Gar nicht so einfach, bin ich doch selber reichlich angefressen. So mache ich bei jeder Gelegenheit auf die reichlich vorhandene Tierwelt aufmerksam. Wer ganz vorne paddelt, bekommt jede Menge Bisamratten zu Gesicht. Ein Storchenpaar hat sein Nest unweit des Flusses auf einen Telegraphenmasten gebaut und an einigen Stellen passieren wir Biberspuren. Wir sehen eine Schwalbenart, die ich noch nicht kannte, Rauchschwalben, wie ich nachher in einem, Vogelbestimmungsbuch herausfinde und eine sehr scheue Zwergdommel, die man sonst wohl kaum zu Gesicht bekommt, so steht es jedenfalls in dem neu angeschafften Buch. Leider muss ich sagen, dass uns die Tierwelt in dem Moment auf dem Fluss ziemlich egal war, wir fiebern nur der nächsten Brücke und somit dem eigentlichen Einstieg in Chilly entgegen. Ab da muss es einfach besser werden. So ist unser Jubel riesengroß, endlich einige Häuser am Ufer zu sehen. Wir hatten es geschafft! Naja, zumindest die ersten fünf Kilometer, alle die auf Paul, unseren Autofahrer gehofft hatten, werden enttäuscht, wir müssen weiter.

Das Blatt wendet sich

In dem Moment allerdings, in dem wir die Brücke unterqueren, verändert sich die Sormonne komplett. Aus dem lahmen, zugewucherten Wiesenbach wird mit einem Schlag ein flotter, offener Kleinfluss, der sich in eine Waldschlucht mit teils schroffen Felsen eingräbt. Befreit ziehen wir unsere Paddel lang durch. Zuvor hatten sie meist nutzlos auf den Spritzdecken gelegen, während wir uns mit bloßen Händen durch die Büsche gekämpft haben. Jetzt können wir endlich auch die, nun viel schönere Landschaft genießen. Die Sormonne fließt in völliger Einsamkeit durch die kleine Waldschlucht, unzählige Osterglocken säumen die Ufer auf beiden Seiten. Es ist einfach nur schön hier. Kleine Schwälle, einige verfallene Wehre und quer liegende Bäume (zum Glück keine Büsche mehr!) stellen die sportliche Herausforderung auf diesem Abschnitt dar.

Nach der Hälfte unserer Strecke sollte eigentlich ein ca. 1 Kilometer langer Stau kommen. Doch als wir die entsprechende Brücke mit dem Staubeginn passieren, ist von einem Stau weit und breit nichts zu sehen. Die Jugend freut sich („Zum Glück kein Flachwasser paddeln!“), während Lukas und ich skeptisch die Ufer betrachten. Man kann die Staukante noch erkennen und sie liegt ziemlich hoch. Und tatsächlich, nach einigen Kurven sehen wir schon vom Weiten eine Staumauer gute 10 Meter aufragen. Alle sind wir nun gespannt, was genau uns dort erwartet. Ich verschweige lieber, dass ich in Kroatien an der Dobra mal eine solche, plötzlich auftauchende Staumauer ohne Rückstau ziemlich schweißtreibend umtragen musste. Die gerade aufkommende Motivation sollte nicht gleich wieder im Keim erstickt werden. Als wir näher kommen, erkennen wir aber, dass es einen zwei Meter breiten Durchlass unter einem hochgezogenen Schott gibt. Mit langen Hälsen nähern wir uns, das Unterwasser ist ganz schön weit unten, viel Weiß sieht man auch, genaueres dafür leider nicht. Es nützt alles nichts, wir müssen aussteigen und das Wehr von der Seite inspizieren.

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Ein wahres Highlight

Nach einer kleinen Kletterpartie stehen wir unterhalb des Wehres. Nun offenbart sich, was wir von oben nicht genau erkennen konnten. Das Wehr ist erst steilschräg und schießt dann über einen Kicker. Unten steht ein ziemlich dickes Loch und rechts ist ein sehr unschönes Kehrwasser, in das man lieber nicht reinkommt. Der Höhenunterschied beträgt mindestens fünf Meter. Die Höhe und das dicke Loch scheinen wohl sehr furchteinflössend. Denn diesmal ist die Jugend eher skeptisch, während Lukas und ich uns freuen. Wir beschließen, dass wir beide erstmal fahren, damit der Rest sich anschauen kann, wie leicht oder schwer die Befahrung ist. Um dem fiesen Kehrwasser auf der rechten Seite zu entgehen, fahre ich ein wenig links von der Mitte. Über die schräge Platte kriegt man schon ordentlich Schwung drauf, am Kicker setze ich noch zusätzlich einen Boofschlag und so schieße ich förmlich unten heraus. Lukas folgt mir auf genau der gleichen Route. Wir stellen fest, dass die Befahrung nicht sonderlich schwierig ist und so geben wir der Jugend das OK es uns gleich zu tun. Vorsichtshalber stelle ich mich unten mit dem Wurfsack hin, falls etwas schiefläuft. Doch meine, ohnehin geringen, Bedenken werden zerstreut. Alle kommen heile unten an, auch wenn manch einer etwas nasser wird.2015 04 04_3452

Vollkommen aufgekratzt vom Adrenalin geht es für uns nun auf den „wilden“ Teil der Sormonne. Auf, leider viel zu kurzen, 200 Metern zirkeln wir um Steine herum, durchbrechen kleine Walzen und bezwingen ein paar Stüfchen. Auch wenn die Sormonne hier nicht schwieriger als Wildwasser II+/III- wird, haben wir alle unseren Spaß (vielleicht lag’s auch nur am Restadrenalin).

Dieser etwas wildere Abschnitt war aber nur ein kurzes Aufbäumen der Sormonne, bevor sie langsam immer ruhiger wird. Jetzt heißt es wieder Landschaft genießen. Wir paddeln an Wäldern, herrschaftlichen Landhäusern und sogar einem Burgturm, der mitten aus dem Nichts auftaucht, vorbei.

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Ein langer Tag geht zu Ende

Wir sind schon lange unterwegs und bei einigen schwinden schon die Kräfte. Trotzdem muss ich ein wenig zur Eile drängen, nicht dass es bald dunkel wird. Als sich einmal für kurze Zeit die Sonne durch das graue Einerlei kämpft, erkennen wir an ihrem Stand, dass es schon später sein muss. Wegen der vorhergehenden Strapazen können wir den letzten, eigentlich immer noch schönen Teil der Sormonne gar nicht richtig genießen. Unsere Gedanken kreisen eher darum, was wir machen, wenn wir unten ankommen. Erst aus den nassen Sachen raus, dann in die Büsche und dann was Essen. Oder doch lieber andersherum? Mit diskutieren beim Paddeln kann man sich ja zum Glück etwas ablenken.

Als wir dann endlich unser Auto am Ufer stehen sehen, ist unser Jubel unendlich groß. Paul erwartet uns schon, seine Miene drückt einen Mix aus Sorge und Wut aus. Zum einen ist er heilfroh, dass uns nichts passiert ist. Zum anderen ist er sauer, dass er heute nicht mehr zum Paddeln kommt. Es ist siebzehn Uhr, wir haben sage und schreibe fünf Stunden für sechzehn Kilometer Kleinfluss gebraucht.

Es entscheiden sich übrigens alle für die Variante: umziehen, Büsche, essen. Nur gut, dass wir reichlich Proviant eingeplant hatten, denn jeder von uns verdrückt erstmal ein ganzes Baguette um wieder zu Kräften zu kommen.

Kurz Info

Fahrtstrecke

Von Chilly-Sormonne 11km

Auf keinen Fall oberhalb einsteigen (warum, wurde ja eingehend geschildert). Eine Befahrung flussab soll laut DKV-Flussführer aber noch lohnend sein.

Beste Zeit

Die Sormonne ist ein Kleinfluss, der nur im Frühjahr oder nach starken Regenfällen genug Wasser hat.

Übernachtung

Im nahe gelegenen Meusetal gibt es einige Campingplätze. Zum Beispiel in Charleville-Mezières:

http://www.charleville-mezieres.fr/Decouverte-de-la-ville/Tourisme/Le-camping

Möchte man noch andere Flüsse in den belgischen Ardennen fahren, kann man auf den sehr schön gelegenen Campingplatz „Ile de Faigneul“ (http://www.iledefaigneul.com/) im Semoistal gehen.

Alternative Paddeltouren

bei viel Wasser:

Faux: Brücke D 31 zwischen Bourg-Fidèle und les Mazures bis zum Staubeginn des Bassin de Whitaker 4 km

Der Ruisseau de Faux ist ein Kleinfluss, der durch ein einsames Waldtal fließt. Durch seine Lage kann es immer wieder zu Baumhindernissen kommen. Er ist auf kurzen Strecken zugleich ein verblockter Wildbach (Stellenweise bis WW II+). Eine Befahrung ist, trotz der kurzen Strecke sehr lohnenswert, eine mehrfache Befahrung bietet sich an. Ein Weg verläuft stets am Fluss entlang.

Bei wenig Wasser:

Der Viroin, die Lesse und die Semois bieten unterschiedliche Wandertouren in wunderschöner Landschaft. Da diese Flüsse in den belgischen Ardennen liegen, sind sie strengen Befahrungsregeln unterworfen. Einen Überblick über diese Regeln gibt es hier: http://kayak.environnement.wallonie.be/public/home?lang=de

Unterlagen

DKV-Auslandsführer Band 6 Nordfrankreich/Benelux; 4. Auflage; Herausgeber Günter Eck

Michelin Regionalkarte 515 Champagne, Ardennen; Maßstab 1:200.000

 

Erstmals erschienen in: Kanu Sport 3/2016

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