Abwechslungsreiche Oetz

Wenn man von der Oetztaler Ache spricht, hört man meist so klanghafte Namen, wie Tumpenfälle, Heiligkreuz oder Wellerbrücke. Alles Synonyme für extrem schweres Wildwasser bis zur Grenze der Befahrbarkeit. Doch die Oetz kann auch anders. Tatsächlich durchfließt sie, gemeinsam mit der Venter Ache, auf 65 Kilometern alle Bandbreiten der Wildwasserpalette, so dass sich eigentlich jeder einen Abschnitt nach seinem Können heraussuchen kann.


Kalter Start

Bisweilen hat Petrus wohl doch ein Herz für Paddler. Die Woche zuvor hatte es in den höheren Lagen noch geschneit und in den letzten Tagen wurden wir mit Sonnenschein und Temperaturen bis zu 25 Grad beglückt. Auch für heute waren die gleichen Wetterverhältnisse vorhergesagt. Da die Sonne allerdings noch nicht über den Berg gekommen war, merkten wir davon noch nicht viel, als Lukas, Andi und ich uns am Bauernhof in Lehen, dem Einstieg zur unteren Venter Ache umzogen. Trotzdem war ich voller Vorfreude, denn wir hatten einen, für Ende September, hervorragenden Wasserstand. Dementsprechend fix waren wir in unserer Paddelmontur und zum Fluss hinuntergekraxelt. Noch einmal den Autofahrern zugewunken und schon riss die Venter Ache uns mit sich. Eng, steil und schnell, so kann man den unteren Teil des Oetz- Quellflusses charakterisieren, wobei der Vierte Schwierigkeitsgrad bei Mittelwasser nicht überschritten wird. Der schöne Naturslalom bringt mich bald ins Schwitzen, nur meine Hände spüre ich nicht mehr. Handschuhe wären bei dem Gletscherwasser wohl angebracht gewesen. Der stetige Wechsel zwischen offenen Abschnitten und kleinen Klammen sorgen auch für landschaftliche Höhepunkte. Schon bald haben wir die erste schwierigere Stelle erreicht. Ein kurzer Blick aus dem Kehrwasser über die Abrisskante reicht um uns den richtigen Weg anzuzeigen. Direkt links neben einem Stein entlanggebooft, lässt uns ins saubere Unterwasser fallen. Bei dem Pegel gab es auch nur eine saubere Durchfahrt, weiter links wären wir über die Steine gerumpelt. Wenig später sehen wir vor einer kleinen Brücke Sabine, Paul und Samuel, unsere Autobegleitung, sitzen. Paul’s Kamera deutet darauf hin, dass es nun wieder schwerer wird. Vom Boot aus kann man die nächsten 50 Meter gut überblicken. Zunächst eine kleine Stufe mit Rücklauf dahinter, danach folgt wieder der typische Naturslalom. Andi fährt als Erster und erreicht ohne Probleme das Kehrwasser am Ende der Stelle. Lukas folgt ihm, verpasst allerdings an der Stufe den entscheidenden Schlag. Er taucht ganz schön ab und wird etwas versetzt zur idealen Fahrtroute wieder ausgespuckt. Ein paar kräftige Paddelschläge und schon ist er wieder auf Kurs. Nun bin ich an der Reihe. Mit voller Konzentration fahre ich an, der Boofschlag sitzt, ich springe über den Rücklauf hinweg.

Venter Ache

Auf der unteren Venter

Nun wird die Venter Ache wieder etwas ruhiger, bis sie kurz vor dem Ausstieg noch mit einem kleinen Abfall in einer Linkskurve aufwartet. Dieser kleine Genusshüpfer ist ohne Schwierigkeiten zu fahren, hat allerdings schon den ein oder anderen „Venter-Neuling“ überrascht, da er etwas unvermittelt auftaucht. In Zwieselstein, am Zusammenfluss der Venter Ache und des Gurglbachs, beenden wir den ersten Abschnitt unserer Tour. Die nun folgende Kühtrain-Schlucht bietet extrem schweres Wildwasser mit einigen Siphonen, die teils nur schwierig zu umtragen sind.

Wuchtig und steil

Wir umfahren diesen Teil der Oetz lieber und setzen in Sölden wieder ein. Mittlerweile ist es schon richtig warm geworden, so dass ich auch meine Hände endlich wieder spüre, was natürlich sehr hilfreich ist beim Spritzdecke schließen. Während die Venter Ache eher technischer Natur war, präsentiert sich die Obere Oetz eher wuchtig. Ein wenig Zeit bleibt uns um sich umzustellen, bis ein großer Felsbrocken im Fluss den Beginn des Söldenkatarakts ankündigt. Wie Perlen auf einer Kette reihen wir uns hintereinander auf, fahren rechts an, um den Felsen herum. Mit dem Hauptwasser geht es mittig weiter, begleitet von enormen Gefälle durchstechen wir einige Walzen. Zum Ende des Katarakts ziehen wir nun nach links rüber, es folgen noch zwei kleinere Stufen und schon haben wir das schwierigste Stück der Oberen Oetz hinter uns gelassen.

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Kurz nach dem Sölden-Katarakt

Nun geht es nicht minder wuchtig, allerdings nicht ganz so verblockt, weiter. In vollkommener Einsamkeit, denn die Straße führt hoch oben am Fluss entlang, genießen wir drei den schnellen Ritt über Wellen und Walzen. Auch hier verengt sich die Oetz klammartig und sorgt somit für wunderbare Landschaftsansichten. Viel zu bald erreicht die Straße wieder den Fluss. Kurz darauf folgt die Ausstiegsstelle. Diese lassen wir heute hinter uns und paddeln noch weiter.

Ein ruhiger Ausklang

Es wird deutlich leichter, am Kieswerk folgt noch ein steiler Schwall. Kurz vor der Brücke nach Huben stehen Sabine, Paul und Samuel am Rand, die nun auch mitpaddeln wollen. Während sie sich umziehen, machen wir eine Pause, denn nach knapp 15 Kilometern schweren Wildwassers fordern unsere Körper Energiezufuhr ein. Samuel muss etwas überredet werden mitzupaddeln. Immerhin hat er gesehen wie schwierig und steil die Oetz ist und beim Spielen auf der Kiesbank hat er auch festgestellt wie eisekalt der Fluss ist. Doch nach gutem Zureden lässt er sich überzeugen, dass jetzt nur noch „Kinderwildwasser“ folgt. Also steige ich von meinem Einer in den Topoduo um. Kaum im Boot sitzend ist Samuel auf einmal auch Feuer und Flamme und hilft mir auf den ersten Metern bis zur Brücke, die durchaus etwas verblockt sind, kräftig mit. Die Oetz zeigt sich nun von einer ganz anderen Seite. Das Tal ist breit und der Fluss den größten Teil über begradigt. Dennoch ist auch dieser Abschnitt schön zu befahren. Umrahmt von mehreren Dreitausendern fließt die Oetz mit flotter Strömung und kleinen spritzigen Wellen dahin. Aus den Seitentälern stürzen immer wieder Wasserfälle hervor. Auch wenn die Fahrt hier einigermaßen abwechslungsreich ist, scheint Samuel das nicht ganz so zu sehen, irgendwann schläft er einfach ein. Naja, war wohl nicht wild genug, das „Kinderwildwasser“. Nach der Brücke in Au an einer markanten Linkskurve erreichen wir die Ausstiegsstelle, zu der Samuel dann auch pünktlich aufwacht. Hier hatten wir am Morgen beim Hochfahren ein Fahrrad stehen lassen. Während Andi nun das Auto nachholt, genießen wir das warme Wetter. Ein wunderbarer Ausklang für einen gelungenen Paddeltag.

Anmerkung:

Die genannten Schwierigkeiten beziehen sich auf einen Pegel von 190 cm in Tumpen. Bei höheren Wasserständen werden die Untere Venter Ache und die Obere Oetz deutlich schwerer!

 

Erstmals erschienen in Kanu Sport 01/2012