Beim Entdecken neuer Flüsse spielt manchmal auch der Zufall eine große Rolle. In unserem Fall war es eine gesperrte Straße. Der übliche Weg ins Durancetal über den Col du Lauteret war zu und wir mussten den Umweg über Gap fahren. Doch liegt nicht genau zwischen Grenoble und Gap ein Flüsschen, dass sich im Flussführer interessant liest? Warum also nicht auf der ohnehin langen Fahrt einen kleinen Zwischenstopp für einen Reisebach einlegen?

In gefühlten tausend Serpentinen windet sich die N-85, die Route Napoleon, von La Mure aus hinab ins Tal. In Frankreich ist Ferienanfang, dementsprechend voll ist die Straße, immer wieder bleiben wir stehen, weil die Wohnwagengespanne vor uns die Kurven im Schneckentempo durchfahren. Doch irgendwann gelangen wir nach Pont Haute, wo eine hohe Brücke die Bonne überspannt. Für uns heißt es nun links abbiegen und den ganzen Trubel hinter uns lassen. Und tatsächlich mit einem Mal ist es unglaublich ruhig, außer unseren, mit Booten voll beladenen, Autos ist die Straße leer. Jetzt kann der Urlaub anfangen.

An der Bonne hat man die Qual der Wahl, wo man denn einsteigen soll. Bei ausreichend Wasser kann man die Tour bereits am Ortsende von Entraigues starten. Dieser erste Teil der Strecke kann man super nutzen um sich für die schwerere Folgestrecke einzupaddeln oder um schwächere Paddler mit auf den Fluss zu nehmen. Die Bonne fließt hier munter durch ein offenes Kiesbett mit nur leichten Schwierigkeiten. Kurz vor Ende der ersten Etappe kommt ein niedriges Steilwehr, welches man nach Besichtigung aber gut fahren kann.

Hinein in die Schlucht

Ein weiterer Einstieg, beziehungsweise Ausstieg für die schwächeren Fahrer, liegt an der Pont du Prêtre. Ab hier gräbt sich die Bonne in eine tiefe Schlucht ein. Derzeit ist der Eingang, eine Klamm, mit Bäumen völlig verlegt. Ein französischer Paddler gab uns den Tip, einen weiteren Einstieg flussab zu nutzen, da ein Umtragen am Fluss recht umständlich sei. Also luden wir unsere Boote auf und umfuhren die, wie sich dann herausstellte, ca. 300 m lange Strecke. Hätten wir gewusst, dass die beiden Einstiege so nah beieinander liegen, wären wir direkt gelaufen, das wäre sicher schneller gewesen. Am unteren Einstieg führt ein kleiner Anglerpfad zum Fluss und man ist schon ein bisschen überwältigt, wenn man unten am Fluss angelangt. War die Bonne weiter oben im breiten Flussbett glasklar, kommt nun in der engen Schlucht ein tiefes, blau-grünes Schimmern hinzu. Die Felsen zu beiden Seiten des Flusses, die ihn oftmals eng einfassen, komplettieren die wunderbare Szenerie.

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Je nach Wasserstand wechseln die Schwierigkeiten. Bei einem höheren Pegel ist die Bonne in ihrem schmalen Bett wuchtig und mit zahlreichen Walzen durchsetzt, sinkt der Wasserstand, sinken auch die Schwierigkeiten. Es wird technisch, das Boot muss stets genau ausgerichtet sein, um die Optimalroute zu erwischen.

Ein erstes Kriterium

Waren die vorhergehenden Stellen zwar bereits eng und oft nur mit langem Hals zu fahren, kommt nach kurzer Zeit die erste richtige Engstelle. Hier empfiehlt es sich dringend einmal auszusteigen. Man kann nämlich von oben nicht genau einsehen, ob im Unterwasser Baumversperrungen, die hier extrem gefährlich werden können, lauern. Die Befahrung der Stelle ist auch nicht ganz ohne, drückt es doch ordentlich gegen den Felsen am linken Ufer, was den einen oder anderen zu unfreiwilligen Felsumarmungen hinreißt. Geht man die Stelle aber konzentriert und mit der richtigen Technik an, wird man nicht mal wirklich nass. Ein Umtragen am rechten Ufer ist aber für alle Zweifelnden gut möglich. Hier eröffnen sich zwei Möglichkeiten: Mit etwas Geschick schafft man es, auf der schrägen Platte hinter der Stelle einzusteigen und per Alpinstart zwei Meter tief ins Wasser zu fliegen. Traut man sich das nicht, kann man sein Boot einem bereits unten stehenden Mitpaddler auf die andere Flussseite hinüberschieben und selber einfach ins Wasser hinterherspringen. Die zweite Möglichkeit verschafft bei warmen Temperaturen eine angenehme Abkühlung nach schweißtreibender Schlepperei.IMG_1675

Technik und Taktik

Die Bonne eignet sich auf der ganzen Strecke, besonders bei niedrigem Pegel, übrigens hervorragend um noch nicht so versierten Fahrern schwereres Wildwasser nahe zu bringen. Wer ein sicherer WW-III-Fahrer ist mit Ambitionen nach oben, kann hier bei wenig Wasserdruck Fahrtechniken trainieren, die er im schweren Wildwasser benötigt. Es gibt zahlreiche Stellen, in denen man ausprobieren kann: Wie boofe ich am besten ins Kehrwasser? Wie fahre ich die Verschneidung an? Oder: Wie nutze ich Kehrwasser in einer Stelle für eine optimale Befahrung aus? Mit der richtigen technischen Grundlage und einer passenden Vermittlung durch einen erfahrenen Paddler gelingen auf einmal Kunststücke, die man sonst nur aus Paddelvideos kennt. Die Landschaft und das meist klammartige Flussbild tun ihr weiteres, dass man sich fühlt wie ein echter Crack.IMG_4058

Jetzt wird’s ernst!

Neben all den Spielereien darf man die Bonne aber nicht auf die leichte Schulter nehmen! Kurz vor dem Ausstieg lauert ein gemeiner, sehr klemmgefährlicher Schlitz. Dieser kündigt sich durch mehrere Schilder an. Zunächst ein „Conaissance reconseillée“, hier aber noch keine Panik bekommen, bis zum Schlitz ist es von hier aus noch ein bisschen, man sollte aber aufmerksam bleiben. Vor allem sollte man sich von der Folgestrecke nicht einlullen lassen. Durch eine Niederklamm geht es mit Wellen und Walzen wie in einem Freizeitbad voran. Am nächsten Schild, einem Achtung-Zeichen am rechten Ufer, heißt es dann schleunigst: alle Mann ins Kehrwasser. Von hier aus tastet sich am besten Einer nach dem Andern zum letzten Kehrwasser vor dem Schlitz zum umtragen. Wer unsicher ist, ob er das Kehrwasser richtig erwischt, sollte lieber eins oberhalb nehmen und ein längeres Tragen in Kauf nehmen. Bei wenig Wasser ist diese Stelle definitiv unfahrbar, zu groß die Wahrscheinlichkeit, dass man sich dort verklemmt. Ob eine Befahrung bei sehr viel Wasser möglich ist, könnte erkundenswert sein. Dann ist es allerdings fraglich, wie sich die Kehrwassersituation darstellt. Bonne-Neulingen empfiehlt es sich aber so oder so, sich den Schlitz vor einer ersten Befahrung anzuschauen. Dafür kann man vom Ausstieg aus einem kleinen Feldweg am linken Ufer folgen, über eine Weide gelangt man dann zum Fluss.IMG_1703

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Nach der Umtrage ist es also nicht mehr weit, das heißt aber nicht, dass die Konzentration nachlassen sollte. Ein harmloser Schwall geht in eine kleine Rücklaufstufe über. Fährt man rechts, fliegt man mit Auto-Boof über einen Kicker und hochgezogener Spitze ins Unterwasser, die mittige oder rechte Fahrtroute hingegen versenkt einen ordentlich und führt gerne mal zu unfreiwilligen Kerzen. Aber keine Angst, außer dem Spott der Mitpaddler muss man hier nichts befürchten. Viel zu schnell ist dann der Ausstieg an der Pont du Moulin erreicht. Für einen Reisebach aber auch ganz praktisch, muss man doch noch ein Stückchen Auto fahren, oder vielleicht doch lieber „Second run, double fun“?

Kurz-Info

Fahrtstrecken:

Ortsende Entraigues – Pont du Prêtre 8 km

offenes Kiesbett, WW II (III), ein Wehr, fahrbar

Pont du Prêtre (oder kurz unterhalb an der D-26) – Pont du Moulin 3 km

Schluchtstrecke, je nach Wasserstand schwerer oder leichter, um WW IV (X); eine Befahrung unterhalb von Pont du Moulin war früher auch möglich. Zur Zeit versperrt ein Felssturz den unteren Teil der Schlucht, unter anderem auch wegen Bauarbeiten am Felssturz. Die Befahrung ist offiziell verboten und die Polizei kontrolliert hier wohl auch öfter. Die Einstiegsstellen sind durch Schilder gekennzeichnet. Der Ausstieg an der Pont du Moulin ist schwierig zu finden, GPS-Koordinaten (44.895036; 5.842903) erleichtern das Finden.

Pegel:

Für einen guten Bezugspegel kann man die RiverApp nutzen. Für eine erste Befahrung der Schluchtstrecke ist ein Pegel in Entraigues von 3-6 m³/s ratsam. Der obere Abschnitt verträgt mehr Wasser, Mindestpegel: 6 m³/s.

Gefahren:

Man muss auf der gesamten Fahrtstrecke mit Baumhindernissen rechnen, diese können in der Schlucht besonders gefährlich werden. Der Schlitz sollte zudem sehr vorsichtig angegangen werden. Wer am Fluss nähere Informationen über die aktuellen Gefahren haben möchte, sollte sich an die Raftguides am Ausstieg wenden. Diese geben bereitwillig Auskunft.

Unterlagen:

Als Grundlage zur Fahrtenplanung sollte man den DKV-Auslandsführer Südfrankreich/Korsika in Kombination mit dem Michelin-Straßenatlas (Maßstab 1:200.000) nutzen. Aktuellere Informationen (auch über mögliche Baumverhaue) findet man unter: http://www.eauxvives.org/fr/rivieres/voir/bonne(allerdings alles auf Französisch)

Erstmals erschienen: Kanu Sport 12/2015

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